März

Es ist Montag. Ich öffne langsam meine Augen und muss kurz realisieren, dass ich gar nicht in meinem eigenen Bett liege. Stimmt, da war was. Ich überlege wie viel Uhr es wohl ist und taste nach meinem Handy, das neben mir auf dem Boden liegt. Das grelle Licht des Displays blendet mich. Schon fast 24 Stunden her...

Ich lehne mich wieder zurück und schau’ mich im Raum um. Im Regal neben mir stehen die alten, abgegriffenen Bücher meiner Mutter. Ich beobachte die Staubkörner, die langsam vor meiner Nase umherschwirren. Ich hatte es mir irgendwie anders vorgestellt. Ich dachte ich würde die ganze Nacht kein Auge zubekommen, ich dachte ich würde die ganze Nacht durch heulen, aber ich habe geschlafen wie ein Stein. Und auch jetzt tut sich in mir irgendwie überhaupt nichts. Von unten dringen dumpf die Stimmen meiner Familie durch die Decke. Ich frage mich, was als nächstes passiert. Ich frage mich was passiert, wenn ich jetzt nach unten gehe. Ich frage mich was die nächsten Tage bringen werden. Und ich frage mich wie mein weiteres Leben jetzt eigentlich ablaufen wird. Jetzt gerade fühlt es sich so an, als würde es nur genau diesen Moment geben, als wäre alles andere total undurchsichtig. Ich schiebe die Bettdecke zur Seite und richte mich auf. Ich fühl’ mich irgendwie leer. Nur noch zu dritt denk ich bei mir. Fühlt sich komisch an.

Ich stehe auf und gehe nach unten ins Wohnzimmer. Die andern sind alle schon wach. Keine Ahnung, was ich erwartet hatte, aber irgendwie ist alles normal, bis auf die unausgesprochene Tatsache, dass meine Schwester gestern gestorben ist. Keiner sitzt verzweifelt oder heulend am Tisch. Jeder benimmt sich irgendwie wie immer. Ich stehe mitten im Raum, noch immer vom Schlaf benommen und weiß ehrlich gesagt nicht, was ich mit mir anfangen soll. Ist doch total seltsam. Ich schaue mich um und überlege, ob ich mir einen Kaffee machen soll. Mein Blick schweift müde durch den Raum. Und dann sehe ich sie. Damit hatte ich irgendwie nicht gerechnet. Sie liegt wie ein Mahnmal auf dem Schrank vor mir. Ich starre sie an. Vor mir liegt die Brille meiner Schwester, die so sehr zu ihr gehört hat wie die Haare auf ihrem Kopf. Und jetzt liegt sie einfach so da, so ganz ohne den Rest. Mein Magen zieht sich zusammen und ich beiß mir auf die Unterlippe, die unwillkürlich anfängt zu zittern. Ich weiß nicht warum, aber ich will nicht, dass die andern mich jetzt weinen sehen. Also drehe ich mich um und schleppe mich wieder die Treppe hoch. Das Einzige, was ich in dem Moment möchte, ist den ganzen Tag durchzuschlafen, um einfach nicht denken zu müssen.


Ich will eigentlich nicht raus. Ich will mich in meinem Bett verkrümeln und nichts tun. Aber wir müssen zum Hausarzt wegen der Krankmeldung. Keiner von uns sagt wirklich viel während der Fahrt. Als wir ankommen fühlt sich jeder Schritt einfach nur belastend an, als hätte man Backsteine an den Füßen. Bevor wir die Tür reingehen schnaufe ich nochmal fest aus und versuche mich aufzurichten. Die Tür geht auf und in der Arztpraxis herrscht schon reges Treiben. Wir gehen Richtung Anmeldung. Die Arzthelferin schaut auf, ihr Blick wandert erst zu meinem Freund, dann zum Lebensgefährten meiner Schwester. Sie weiß nicht wer die beiden sind. Als ihr Blick dann schließlich mich trifft, schreckt sie plötzlich auf und wird hektisch. Sie weiß es also schon. Irgendwie auch logisch, hier kennt sowieso jeder jeden. Sie steht auf und weist uns an ihr zu folgen. Ich bin ihr dafür echt dankbar.

Wir sitzen im Zimmer und warten auf den Arzt. Keiner sagt was. Meine Brust fühlt sich schwer an und den Kummer, den ich in mir trage kann ich nur immer wieder durch lautes Schnauben loswerden. Ich bin so müde.

Der Arzt kommt rein. Er bekundet uns sein Beileid. Er faselt irgendwas von schlimmen Schicksalsschlägen im Leben. Ich weiß er meint es gut, aber ich kann ihm irgendwie nicht zuhören und weiß auch garnicht was ich antworten soll. Ich möchte einfach nur wieder nach Hause.


Alles was ich möchte ist schlafen. Aber das ist leider nicht drin. Denn dann, wenn man eigentlich die Welt vor sich wegsperren möchte, muss man die Beerdigung organisieren. Also fahren wir noch am selben Tag alle zusammen zum Bestatter.

Wir sitzen in einem Raum um einen kleinen Tisch herum. Es sieht ehrlich gesagt aus wie bei meinen Großeltern. An der Wand hängt ein Kreuz. Der Bestatter erklärt uns, dass wir es uns bequem machen sollen, er wäre gleich für uns da. Es ist still und die Stimmung ist irgendwie bedrückend. Es ist nicht so, dass es zwischen uns allen irgendwie komisch ist, sondern die Situation an sich ist einfach seltsam. Ab und zu sagt jemand kurz was. Der Bestatter kommt schließlich rein und setzt sich zu uns. Er sagt zu meinen Eltern, dass er den Ausweis meiner Schwester braucht. Also holt Mama den Geldbeutel raus und legt das kleine Kärtchen auf den Tisch. Meine Schwester lächelt uns von dem Bild auf ihrem Personalausweis aus an. In meinem Kopf ist wieder nur ein dumpfes Surren zu hören.

Nach dem Gespräch sagt uns der Bestatter, dass wir jetzt einen Sarg aussuchen müssen. Krank.

Also gehen wir mit ihm die Haustür raus auf die Straße. Es ist sonnig und das Licht blendet mich. Er geht ein paar Schritte zur Seite zu einer weiteren Tür. Er schließt auf und verschwindet im Dunkeln. Wir folgen ihm und finden uns in einem kleinen kühlen Raum wieder. Vor mir stehen hintereinander aufgestellt vier, fünf verschiedene Särge. Er erklärt uns ganz routiniert die Unterschiede. Keine Ahnung, was in dem Moment in mir vorgeht. Aber ich weiß auf jeden Fall, dass meine Schwester nicht in so einem potthässlichen, dunklen, alten Sarg hätte liegen wollen (Sorry an der Stelle). Der Meinung sind wir wohl alle. Also entscheiden wir uns für eine schlichte Form und helles Holz. Die Situation ist so seltsam. Ich glaube wir sind alle überfordert. Als wir wieder aus dem Keller rauskönnen verabschiedet sich der Bestatter von uns. Wir überlegen, was wir als nächstes tun und teilen uns auf. Ich fahre mit meiner ältesten Schwester und meinem Schwager nach Saarbrücken in die Wohnung meiner verstorbenen Schwester.


Der gewohnte Geruch steigt mir in die Nase. Ich starre das Treppenhaus hoch, das mich an die Form eines Schneckenhauses erinnert. Von oben scheint das Licht durch das Dachfenster schwach zu uns herab. Die gelben Wände haben irgendwie ihr Leuchten verloren.

Jede Stufe fühlt sich so schwer an. Ich würde gerne wieder umdrehen. Mir ist schlecht. Oben angekommen bleiben wir kurz vor der Wohnungstür stehen. Mein Herz pocht. Ich hoffe noch immer, dass die Tür aufgeht und mir jemand sagt, dass alles nur ein schlechter Scherz war. Ich hoffe, dass meine Schwester wild durch das Zimmer wuselt, ihre Pflanzen gießt, vor sich hinplappert und dabei verschmitzt lächelt. Dabei fangen ihre Wangen an rosarot zu leuchten, als hätte ihr jemand Puder ins Gesicht gepustet - so wie sie es immer tun, wenn sie lächelt. Ich hoffe, dass die kleine Biene, die im Schrank an der Balkontür wohnen darf zuhause ist und fröhlich ihrer Arbeit nachgeht. Ich hoffe das alles ist wie immer.

Mein Schwager steckt den Schlüssel ins Schloss. Es klackt. Er öffnet die Tür. Und in dem Moment, als sich die Tür öffnet, geht in mir selbst für immer eine zu.

Es ist still. Ich bleibe in der Tür stehen und starre in den Raum. Keine Biene, keine Claire. Nur das, was von ihr geblieben ist. Sie lächelt mir von der Wand aus entgegen. Mein Sichtbild verschwimmt. Ich schaue mich um und mein Blick bleibt am Bücherregal hängen. Ich gehe darauf zu. Ihre Bücher. Sie hat jedes von ihnen behütet wie einen Schatz. Sie sind ein Teil von ihr, ein Teil ihrer Persönlichkeit. Sie ist hier überall, sie ist hier so präsent. Ich kann sie riechen. Mich überkommt in dem Moment unendliches Heimweh. Mir wird bewusst, dass ich meine Schwester nie wieder sehen werde, ich werde sie nie wieder reden oder lachen hören, ich kann sie nie wieder berühren, nie wieder mit ihr lachen, nie wieder mit ihr streiten, nicht mal mehr mit ihr Gilmore Girls schauen. Mein Sichtbild verschwimmt. Sie sollte hier sein, nicht nackt in einer Metallschublade eingesperrt in irgendeinem Keller hunderte Kilometer entfernt.

Ich gehe in ihr Schlafzimmer und starre auf die Seite des Bettes, auf der sie noch vor einer Woche geschlafen hat. Ich hab’ einen fetten Klos im Hals. Ich lass mich schwerfällig auf das Bett fallen und starre auf den großen Wandschrank vor mir. Meine älteste Schwester kommt rein und setzt sich neben mich. Sie sieht sich um, in ihren Augen stehen Tränen. Dann steht sie auf und zieht die Tür des Schrankes auf. Ich erinnere mich daran warum wir eigentlich hier sind. Also stehe ich auf, gehe einen Schritt auf den Schrank zu und starre auf ihre Kleider. Was zieht man seiner toten Schwester an?

103 Ansichten

© 2019 Hannah Bender | FSG.art 

  • Facebook
  • Instagram