Juni

Wochen und Monate vergehen. Tage, in denen ich versuche ganz normal weiterzumachen - so wie alle um mich herum. Mir wird gesagt, dass ich stark sein muss, dass ich mich nicht verkriechen darf und die Welt nicht vor mir wegsperren. Also versuche ich stark zu sein und mich nicht zu verkriechen und die Welt nicht vor mir wegzusperren. Trotzdem bleibt in mir das Heimweh. In meinem Kopf bleiben die Bilder, die Bilder aus der Klinik. Bilder in meinem Kopf, die ich nur durch Erzählungen kenne. Obwohl ich nicht dabei war sind da diese Bilder.

Ich fange an zu träumen, ich träume von meiner Schwester. Ich träume von unserem Abschied, den wir nicht hatten. Ich träume Träume, in denen nur ich sie sehen kann, einen Geist. Ich träume Träume in denen sie plötzlich wieder lebendig ist und versucht mit dem Leben zurechtzukommen, das sie verloren hat. In meinen Träumen kann ich fühlen was sie fühlt, es tut weh, es fühlt sich einsam an. Diese Träume fühlen sich echt an, real irgendwie, schwer. Und immer, wenn ich wach werde ist in mir dieses Gefühl. Heimweh. In meinem Kopf bleiben diese Bilder. Sie beschäftigen mich. Doch ich versuche es mir nicht anmerken zu lassen. Um mich herum geht das Leben weiter, ich bin bemüht mit den Anderen Schritt zu halten, aber ich stolpere gerade so vor mir her. Ich spreche nicht viel darüber und es fragt auch nicht wirklich jemand nach. Ich mache es mit mir selbst aus. Und mit jeder Woche fängt es an sich schwerer anzufühlen. Ohne, dass ich es gemerkt hatte, habe ich begonnen den Halt zu verlieren.

Damals arbeite ich noch auf der Onkologie, der Krebsstation. Ich habe meinen Job gerne gemacht, ich fand es immer tröstlich anderen Menschen helfen zu können. Aber nach dem Tod meiner Schwester ist es schwer. Mein Job erlaubt es mir nicht mich von der Thematik abzuwenden, stattdessen werde ich tagtäglich damit konfrontiert - auf der Arbeit und Zuhause, ein Endlosband, ein Song auf Dauerschleife. Und ich höre diesen Song Tag für Tag für Tag.

In jedem Patienten, jedem Zimmer und jeder Geschichte kann ich meine eigene wiederfinden. In jedem Gespräch kann ich meine eigenen Ängste und meinen Kummer heraushören. Es kommt mir mit der Zeit heuchlerisch vor den Patienten und ihren Angehörigen gut zuzureden, wo ich mir selbst doch die ganze Zeit eigentlich etwas vormache.

Die Lebensfreude, mein Optimismus und die Hoffnung, die mich diesen Job haben aushalten lassen, verabschieden sich Stück für Stück von mir. Ohne, dass ich es wirklich merke, fange ich an mich zu verändern, ohne, dass ich es wirklich merke beginnt in mir etwas zu verkümmern.

Dann fangen die Panikattacken an. Die Angst einen weiteren Menschen verlieren zu können geistert ständig in meinem Kopf herum. Jedes Mal, wenn ich mich von einem Menschen verabschiede frage ich mich, ob es das letzte Mal sein wird, dass ich ihn sehe. Ich habe Verlustängste entwickelt. Ich habe sogar Angst um mein eigenes Leben, ich bekomme panische Angst vorm Sterben. Ich versuche Autofahrten und alles, was ein Risiko darstellt zu vermeiden. Ich liege nachts wach, jeden Abend liege ich heulend im Bett, zitternd und panisch. Ich versuche es zu unterdrücken, doch es geht nicht, es kommt in Wellen, immer wieder und wieder. Es überfordert mich. Ich würde mich gerne mitteilen, mich gerne vor anderen erklären, aber was soll ich schon sagen? Was würde es schon ändern? Ich möchte nicht die Tote-Schwester-Karte ausspielen, so fühlt es sich nämlich an – wie eine Ausrede. Also sage ich nichts, zu niemandem, ich halte es einfach aus. Manche können es vielleicht heraushören, andere hören vielleicht lieber weg.

So viele Dinge verlieren mit der Zeit ihren Sinn, ihren Wert. Ich fühle mich irgendwie verloren, fehlerhaft und alleine.

Unter Menschen beginne ich mich unbehaglich zu fühlen. Ich versuche mich immer wieder in ein Bild hineinzuzwängen, in das ich nicht mehr hineinpasse, jemand zu sein, der ich nicht mehr bin.

In dieser Zeit verliere ich Freunde, mehr als nur einen. In ihrer Gegenwart fühle ich mich nicht mehr wohl. Gespräche klingen plötzlich nur noch dumpf und ohne Belang. Ich kann ihre Freude an vermeintlich banalen Dingen nicht mehr teilen, ich kann diesen Spiegel nicht ertragen, den sie mir ungewollt vorhalten. Ich verurteile sie. Aber eigentlich will ich einfach nur wieder so sein wie sie - freudig, enthusiastisch, ein bisschen blauäugig vielleicht. Sie halten mir all die Dinge vor, die ich mit der Zeit verloren habe. Ich stoße sie weg, ohne dass sie es merken. Ich überlege mir Ausreden, weil ich die Energie nicht mehr finde, eine Maske aufzusetzen, wenn wir uns sehen. Ich ziehe mich zurück.

In den seltenen Momenten, in denen ich die Gefühle in mir nicht mehr zurückhalten kann und versuche mich irgendwie mitzuteilen, sind die Menschen um mich herum überfordert, sie wissen nicht was sie sagen sollen - ich weiß es selbst nicht. Oft sagen sie mir ich wäre kompliziert, ich wäre zu sensibel. Also mache ich wieder dicht, ziehe mich weiter zurück und fühle mich noch mehr falsch als ich es sowieso schon tue. Ich schotte mich ab.

Und dann plötzlich, bin ich verliebt. Erneut verliebt in meine Jugendliebe.

Zögernd entsteht da so etwas Schönes und Wertvolles und gleichzeitig entwickelt sich in mir so etwas maßlos Hässliches.

Eine Zeit lang betäubt die Verliebtheit dieses üble Gefühl in mir, aber das hält nicht wirklich lange an.

An den Tagen, an denen wir uns sehen scheint die Welt für wenige Stunden wieder im Lot zu sein. Ich klammere mich an die wenigen Momente, in denen wir Zeit miteinander verbringen. Ich versuche dabei die beste Version von mir selbst zu sein, jemand anderes als ich bin - so naiv. Denn eigentlich bin auf dem besten Weg ein Mensch zu werden, der ich hatte nie werden wollen.

Mir wird schnell klar, dass ich eine Bürde für ihn sein werde. Aber ich bin nicht selbstlos genug um ihn loszulassen, denn das letzte bisschen Freude in mir gehört ihm.

So beginnt dieses Bild von mir, meinem Leben, das ich so sehr versucht habe aufrechtzuerhalten, auseinanderzufallen.

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© 2019 Hannah Bender | FSG.art 

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