April



Es fühlt sich unreell an, dass meine Schwester tot ist.

Es fühlt sich so ziemlich alles unreell an.

Ihre Kleider zu sehen ohne den Rest, der dazu gehört.

Ihre Todesanzeige zu schreiben.

Ihren Sarg auszusuchen.

Das erste und letzte Mal nach ihrem Tod ihre Wohnung zu betreten.

Die Kleider auszusuchen, die sie mit ins Grab nehmen soll.

Das Gespräch mit dem Pfarrer. Das Gespräch wie der Tag aussehen soll, an dem sie für immer unter der Erde verschwindet. Die Frage welche Musik gespielt werden soll.

Es fühlt sich unreell an die Dekoration für den Leichenschmaus auszusuchen.

Die Blumen für den Sarg… Auf keinen Fall Rosen, auf keinen Fall Efeu.

Meine Kleider am Tag der Beerdigung zu bügeln fühlt sich unreell an. Ich stehe vorm Spiegel. Es fühlt sich seltsam an die Kleider überzustreifen, die ich tragen muss, um meiner Schwester den letzten Weg zu bereiten. Fühlt sich wie eine Bürde an.

Die Fahrt zum Friedhof, unreell. Es fühlt sich unreell an aus dem Auto zu steigen und die Sonne zu spüren, die mir ausgerechnet heute das erste Mal in diesem Jahr auf der Haut brennt.

Das Wissen, dass sie nur noch wenige Meter von mir weg ist - unreell. Das erste Mal, seit dem Tag vor etwas mehr als einer Woche, an dem noch alles normal war. Seit dem Tag, als ich sie das letzte Mal lebend gesehen habe. Und jetzt ist sie dort drin. Und sie ist tot.

Unreell, wie schnell mein Herz schlägt.

Unreell, wie meine Hände anfangen zu zittern.

Unreell, der Weg vom Auto bis zur Kapelle. Ich zähle die Pflastersteine und blinzle die Tränen weg.

Es sind schon die ersten Gäste da.

Ich war noch nie auf einer Beerdigung.

Mein Herz hämmert.


Der Moment ist unreell, als sich die Tür zur Kapelle öffnet.

Unreell als ich den Sarg sehe. Unreell zu wissen, dass sie da drin liegt.

Fühlt sich an wie im Film. Durch die Fenster fällt schwach das Licht in den kleinen Raum. Um den Sarg herum stehen Blumen. Die Blumen auf dem Sarg schauen hübsch aus, hätte ihr gefallen so. Daneben steht ein Bild von ihr.

Nur noch ein paar Schritte.

Und dann stehe ich neben ihr, nach einer gefühlten Ewigkeit der Trennung. Ich stehe neben meiner Schwester und das einzige, was uns trennt ist die Holzkiste. Und das Leben.

Mir fallen nicht die richtigen Worte ein um das Gefühl zu beschreiben, das sich in mir auftut. Das ist der letzte Moment, in dem ich ihr so nah sein kann, das letzte mal in meinem ganzen Leben. Aber ich kann ihr nichts mehr sagen. Ich kann nur ihre Gegenwart spüren.

Ich will mich verabschieden. Ich will den Deckel beiseite schieben und sie in den Arm nehmen. Es ist mir egal, wie sie aussieht. Ich will sie in den Arm nehmen und heulen. Ich will ihr über den nackten Kopf streichen, ihr die Stirn küssen, ihre Wange küssen und sie fest an mich drücken. Ich will den Verlust aus mir herausbrechen lassen. Ich will ihr sagen, dass ich sie liebe. Aber alles was ich tun kann, ist den Sarg anzustarren. Ich fühle mich beobachtet und letztendlich dem Moment beraubt. Es fühlt sich nicht richtig an, dass schon Gäste da sind. Ich will, dass alle verschwinden.

Ich lege meinen Brief vorsichtig zwischen die Blumen auf dem Sarg. Ich möchte mich neben die Holzkiste setzen, nichts sagen, nur heulen und ihr beistehen. Ich möchte ihr dabei die Hand halten während sie da so im Sarg liegt, so lange, bis die Trauerfeier endet und es an der Zeit für sie ist. Es fühlt sich an, als ob es noch diese letzte Hürde für sie geben würde. Ich will keinen Zentimeter von ihr weichen, ich will sie nicht alleine lassen.

Ich stehe noch immer nur da und starre die Kiste vor mir an. Mir wird klar, dass ich mein ganzes Leben ohne sie verbringen werde. Noch so viel Zeit..

Und dann ist der Moment verpufft. Der Moment, der unser Abschied sein sollte. Es macht mich wütend. Es macht mich wütend, dass das der Moment gewesen sein soll. Es macht mich wütend, dass ich dafür nicht mehr Zeit hatte. Es macht mich wütend, dass mich jeder dabei beobachten durfte. Es fühlt sich nicht richtig an.

Ich weiß, eigentlich sollte man es nicht aussprechen, aber anstatt mich zu freuen, dass so viele Menschen meiner Schwester die letzte Ehre erteilen wollen, fühle ich während der Beerdigung nur Wut. Wo waren all diese Menschen die letzten Jahre? Sie haben doch keinen blassen Schimmer. Heuchler, denke ich mir. Alles Heuchler. ..Furchtbar, oder? Aber es fühlte sich an als würde man sie zur Schau stellen. Als wäre es ein Event, das man nicht verpassen darf. Ich hatte irgendwie das Gefühl meine Schwester beschützen zu müssen.

Ich hatte keine Gelegenheit mich von meiner Schwester zu verabschieden, keinen Besuch mehr im Krankenhaus, kein Telefonat, keine Nachricht. Nichts. Ich hatte die letzten Tage nur mich und den Horror. Und jetzt, wo ich sie endlich wieder bei mir habe - egal, ob tot oder lebendig - muss ich diesen Moment des Abschieds mit hundert anderen Menschen teilen.

Fühlt sich ungerecht an.


Ich sehe zu wie ihr Sarg ins Grab herabgelassen wird. Unreell.

Die Trauergäste reihen sich hintereinander, um sich von ihr zu verabschieden und Blumen in ihr Grab zu legen. Die Sonne scheint so hell wie noch nie in diesem Jahr.

Ich stehe neben meinen Geschwistern und meinen Eltern vorneweg in einer Reihe. Wir bilden eine Mauer des Beistands für sie, wir sind da und stehen ihr bei.

Ich beobachte die Menschen, die sich von meiner Schwester verabschieden. Ich sehe wie sie innehalten, ich sehe wie ihre Blumen ins Grab niedergehen, ich sehe ihre Tränen. Sie geben mir die Hand, bekunden mir ihr Beileid, sie sehen mir in die Augen und ich in ihre. Und ich kann’s sehen - Aufrichtigkeit. Und meine Wut verfliegt. Was bleibt ist Kummer.

Manche Gäste nehmen mich in den Arm und ich möchte sie nicht mehr loslassen. Es tut so weh. Ich möchte in jeder der Umarmungen innehalten und bloß heulen.

Wir stehen dort bis sich der letzte Trauergast von ihr verabschiedet hat.


Das war’s dann also. Meine Schwester wird unter der Erde verschwinden.

Für viele ist die Beerdigung das Ende der Geschichte. Sie können loslassen. Sie werden an sie denken, ein paar Tage, ein paar Wochen vielleicht. Aber dann werden sie es immer seltener tun, bis sie sie irgendwann vergessen. Und meine Schwester wird verschwinden. Sie wird sich in Luft auflösen. Ihr Leben, ihre Geschichte, ihr Dasein werden verpuffen - für so viele Menschen. Nicht für mich.


Meine Schwester ist jetzt frei.

Ich bin es nicht.



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© 2019 Hannah Bender | FSG.art 

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